IVK-Hauptgeschäftsführerin Dr. Vera Haye (Foto: IVK)

Bessere Ökobilanz durch Klebtechnik

Die deutsche Klebstoffindustrie sieht sich im nationalen und internationalen Wettbewerbsumfeld sehr gut aufgestellt. In vielen Industrie- und Handwerksbereichen gewinnen Klebstoffe stetig an Bedeutung, um die Nachhaltigkeitskriterien des Green Deals der EU erfüllen zu können. CO2-Einsparungen sowie Energie- und Ressourceneffizienz haben dabei höchste Priorität. Im Exklusiv-Interview gibt uns Dr. Vera Haye, Hauptgeschäftsführerin Industrieverband Klebstoffe e.V. (IVK), Einblick in aktuelle Themen der Branche.


Frau Dr. Haye, wir gratulieren Ihnen zur Ernennung zur Hauptgeschäftsführerin des Industrieverbands Klebstoffe e.V. zum 1. Januar 2021. Welche konkrete Aufgabe lag zum Jahresbeginn auf Ihrem Schreibtisch?

Vielen herzlichen Dank. Zunächst einmal stand auf meinem Schreibtisch ein großer Blumenstrauß von meinen Kolleginnen und Kollegen, über den ich mich riesig gefreut habe. Die COVID-19-Pandemie fordert die Klebstoffindustrie und den Industrieverband Klebstoffe natürlich auch dieses Jahr weiterhin heraus, und der anhaltende Lockdown trifft die verschiedenen Marktsegmente und somit unsere Mitgliedsfirmen unterschiedlich stark. Eine Prognose für das Jahr 2021 ist kaum möglich. Wir sind aber überzeugt, dass die deutsche Klebstoffindustrie im nationalen und internationalen Wettbewerbsumfeld weiterhin sehr gut aufgestellt ist. Auch die Veranstaltungsplanung ist für dieses Jahr nach wie vor schwierig. Der IVK feiert dieses Jahr sein 75jähriges Bestehen, und das hätten wir natürlich gerne im Rahmen einer Jubiläumsjahrestagung gebührend gefeiert. Die derzeitige Situation lässt dies jedoch leider nicht zu. Ich hoffe, dass wir dies nächstes Jahr nachholen können. Nicht weniger herausfordernd sind die Aktivitäten der Europäischen Kommission unter dem Green Deal – Stichworte „Aktionsplan Kreislaufwirtschaft“ und „Chemikalienstrategie für Nachhaltigkeit“, um nur zwei von vielen zu nennen. Auch hier ist unsere wichtigste Aufgabe, die Mitglieder zu informieren und mit ihnen zusammen an Lösungen zu arbeiten.


Es heißt, die industrielle Klebtechnik sei eine Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts? Inwiefern?

Der Einsatz von Klebstoffen ist aus vielen Industrie- und Handwerksbereichen nicht mehr wegzudenken und wird zukünftig noch mehr an Bedeutung gewinnen, damit die Nachhaltigkeitskriterien im Rahmen des Green Deals der EU erfüllt werden können. CO2-Einsparungen sowie Energie- und Ressourceneffizienz haben dabei höchste Priorität. Mit Hilfe der Klebtechnik können nahezu alle Materialkombinationen sowohl aus identischen als auch aus unterschiedlichen Werkstoffen miteinander verbunden werden, ohne dass dabei die Materialeigenschaften und die damit verbundenen Vorteile verloren gehen. Viele technologische Entwicklungen sind nur durch den Einsatz hochmoderner Klebstoffe möglich. Hervorzuheben sind dabei z. B. energiesparende Leichtbaukonstruktionen im Transportsektor aber auch Elektroautos sowie Windkraft- oder Photovoltaik-Anlagen, die das Erreichen der Klimaziele erst ermöglichen.


Welche Themen sind besondere Herausforderungen für die Klebstoffindustrie in den nächsten Jahren?

Die im Oktober 2020 verabschiedete Chemikalienstrategie für Nachhaltigkeit kommt allein mit mehr als 50 geplanten Einzelmaßnahmen daher. REACH- und CLP-Verordnung sowie zahlreiche andere Vorschriften sollen geändert und verschärft werden. Diese Themen müssen fachinhaltlich begleitet werden und unsere Mitglieder müssen informiert werden. Der Aktionsplan Kreislaufwirtschaft der EU sieht vor, dass Materialien so lange wie möglich im Kreislauf gehalten werden. Im Sinne der Material- bzw. Ressourceneffizienz haben also die Recyclingfähigkeit und die Reparierbarkeit von Produkten einen hohen Stellenwert. Geklebte Produktkomponenten müssen sich lösen lassen, um einen Austausch oder ein sortenreines Recycling zu ermöglichen. Hier sind innovative Lösungen für ein sogenanntes „Debonding On Demand“ gefragt.


Wie sieht sich die deutsche Klebstoffindustrie hinsichtlich Digitalisierung aufgestellt?

Detaillierte material- und prozessbezogene Daten entlang der gesamten Wertschöpfungskette erlauben die Optimierung von Parametern eines geklebten Produkts. Die Digitalisierung kann so zukünftig beispielsweise auch die Kreislauffähigkeit eines geklebten Produkts optimieren und so einen wichtigen Beitrag in Hinblick auf dessen Ressourcen- und Kosteneffizienz leisten.


Klebtechnik unterstütze die Kreislaufwirtschaft und Ökobilanzen – inwieweit?

Geklebte Produkte können sowohl die Energieeffizienz als auch die Materialeffizienz im Vergleich zu alternativen Produkten verbessern. Eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft bedeutet, dass ein Produkt langlebig, reparierbar und recyclingfähig sein muss und dabei so viel Energie wie möglich einsparen kann. Hervorzuheben sind Leichtbaukonstruktionen mit smarten Materialien, die häufig nur geklebt werden können. Besonders im Verkehrs- bzw. Transportsektor werden durch leichte Materialien große Mengen an Energie eingespart. Die Lebensdauer von Akkus wird um ein Vielfaches erhöht, wenn sie mit einem wärmeleitfähigen Klebstoff fixiert werden, der die entstehende Wärme von der Batterie wegtransportiert. Defekte oder gebrochene Produkte jeglicher Art können mit einem geeigneten Klebstoff repariert werden. Und ein gutes Produktdesign, das auch ein Recycling am Produktlebensende vorsieht, kann mit der richtigen Klebstoffauswahl erreicht werden.


Die deutsche Klebstoffindustrie gilt als Technologieführer; fast die Hälfte ihrer Produkte ging bislang in den Export. Worauf ist dieser Erfolg begründet?

Die deutsche Industrie ist allgemein als Technologieführer in vielen Bereichen bekannt und insbesondere bei hochtechnologischen Gütern, die immer aus unterschiedlichen Materialien bestehen. Nur die Fügetechnologie Kleben ermöglicht das materialgerechte Verbinden unterschiedlicher Hightech-Materialien, ohne dass deren besondere Eigenschaften verlorengehen. Die Klebtechnik ist also immer integraler Bestandteil dieser qualitativ hochwertigen Investitionsgüter. Wichtige Bereiche sind beispielsweise Automobil- und Flugzeugbau, Schienenfahrzeugbau, Elektronik, Maschinenbau, Optik, technische Textilien und viele mehr. Und auch vermeintlich einfache Anwendungen wie das Kleben von Etiketten oder Schuhen sind heutzutage Hightech-Anwendungen, die hochspezialisierte Klebestoffe benötigen.


Dennoch ist das Stimmungsbarometer der deutschen Klebstoffindustrie hinsichtlich Marktlage, Umsatz- und Exportentwicklung abgefallen. Woran liegt das?

Die deutsche Klebstoffindustrie bewegt sich in einem heterogenen und volatilen Umfeld. Die anhaltende COVID-19-Pandemie ist nicht nur eine globale Gesundheitskrise, sie belastet auch die Weltwirtschaft erheblich, und die Folgen sind noch nicht gänzlich absehbar. Es besteht weiterhin das Risiko, dass internationale Lieferketten durch Produktionsausfälle oder Grenzschließungen beeinträchtigt werden. Eine große Bedrohung geht auch von Schließungen von Produktionen durch Verdachtsfälle aus. Handelskonflikte und Brexit-Komplikationen kommen erschwerend hinzu. Eine gesamtwirtschaftliche Erholung wird voraussichtlich langsam verlaufen. Dass eine gewisse Unsicherheit zu spüren ist, ist daher nur verständlich. 


Wie wichtig erachten Sie es, dass Unternehmen der Klebstoffindustrie auf Fachmessen Präsenz zeigen und sich persönlich mit den Kunden austauschen?

In der Pandemie merken wir, dass wir einige Dinge digitalisieren können, aber das persönliche Gespräch mit Geschäftspartnern und Kunden ist durch nichts zu ersetzen. Fachmessen bieten für diese B2B-Gespräche den perfekten Rahmen als Networking-Plattform.


Die Klebstoffindustrie wird auch von der Öffentlichkeit nur wenig wahrgenommen. Wollen Sie das ändern?

Das Potenzial von Klebstoffen wird von der Öffentlichkeit zunehmend stärker wahrgenommen. Die Öffentlichkeitsarbeit war schon immer und bleibt eine der wichtigsten Aufgaben des IVK. Unterstützt durch unseren Beirat für Öffentlichkeitsarbeit informieren wir Verbraucherinnen und Verbraucher darüber, was Klebstoffe in unseren Alltagsprodukten leisten. Unser Magazin „Kleben fürs Leben“ erscheint als Printversion einmal im Jahr, und die informativen Artikel rund ums Kleben sind auf unserer Homepage unter www.klebstoffe.com/kleben-fuers-leben/auch digital abrufbar. Aber auch gegenüber Politik und Behörden werden wir nicht müde, über die vielen Vorteile und das Potenzial der Klebtechnik aufzuklären.


Auf welche Schwerpunkte des IVK werden Sie als Hauptgeschäftsführerin besonders setzen?

Die wichtigste Aufgabe wird nach wie vor sein, auf die aktuellen Rahmenbedingungen, also die wirtschaftlichen, politischen und technologischen Trends, zu reagieren und diese in die Gremien des IVK und in die Mitgliedschaft weiterzugeben. Der Bereich Regulatory Affairs auf europäischer Ebene wird sicherlich weiter an Bedeutung gewinnen. Der Beirat für Nachhaltigkeit und der Beirat für Öffentlichkeitsarbeit werden alle Arbeiten themenübergreifend unterstützen.